Piko

Dass dieses Jahr eine liebe Freundin das erste Mal auf den Chaos Communication Congress fährt, nehme ich zum Anlass, hier einmal ein kleines Howto für den Congress zu geben. Falls irgendetwas Relevantes fehlt, gebt gern bescheid.

Zuerst eine kleine Linkliste zur Orientierung (diese und weitere Links finden sich auch auf dieser Übersichtsseite):

  • die Infoseiten sind eine Sammlung von Informationen über die Infrastrukturen des Kongress. Was dort steht, kommt von offizieller Seite. Da gibt es auch einen Abschnitt für Erstbesuchies.
  • Der Hub hingegen ist letztlich eine Art Wiki (also eine Informationssammlung, an der jeder alle mitarbeiten können, wenn sie sich einen Account machen). Dort finden sich selbstorganisierte Veranstaltungen, Assemblies, Projekte, ein schwarzes Brett und weiteres.
  • Social Media: Es kann sein, dass auf Bluesky auch ein bisschen über den Congress geschrieben wird, aber das meiste wird auf Mastodon los sein, vor allem unter #39c3. Wenn Du Dich dort anmelden willst, hau mich gerne noch mal an.
  • Die Chaospat*innen sind eine Gruppe explizit für Erstbesuchende, die haben sicher noch mehr Ressourcen.

Was tun?

  • Besuche Self Organized Sessions oder Vorträge, die Dich interessieren.
  • Gehe in einen Vortrag oder einen Workshop, von dessen Thema Du keine Ahnung hast.
  • Freiwillig mitzuhelfen (“engeln”) würde ich erst ab dem zweiten Congress empfehlen. Falls Du Dich aber sehr verloren fühlst (passiert nicht selten, auch den ganz Erfahrenen), ist das vielleicht trotzdem ein sehr guter Einstieg: https://guide.c3heaven.de/index.en.html
  • Sich mit Freunden treffen und über das Gelände stromern ist auf alle Fälle eine gute Idee.
  • Wenn du jemanden mit einem interessanten Projekt triffst, frag ihn gerne dazu aus. Die allermeisten Leute haben Bock, über die Dinge zu reden, die sie auf dem Congress zeigen.
  • Wenn jemand unfreundlich wirkt, ist er oft eher gestresst, müde oder überfordert.
  • Versuche überall mal gewesen zu sein, weil es wahnsinnig viel zu entdecken gibt.
  • Versuche trotzdem nicht, alles zu erleben. Der Kongress ist viel zu groß, dass eine Person wirklich alles mitbekommen könnte. Du wirst notwendig irgendwas verpassen; das ist okay. Versuch, den Moment zu genießen.
  • Aus dem selben Grund: Ruh auch mal aus.
  • Such Dir „Missionen“; zum Beispiel mit jemandem über Geocaching reden, endlich mal ein Bastelproblem lösen indem Du jemanden dazu ausfragst, eine Postkarte austragen oder alle Arcade-Automaten finden. Oft sind das gute Kennenlern-Möglichkeiten und sehr schöne Erinnerungen.
  • Eine wichtige Sache ist noch die Foto-Policy. Wenn Du Fotos von irgendwas machen möchtest, dann ist es üblich, alle Leute, die auf dem Foto drauf sein werden, vorher zu fragen, ob das für sie okay ist. Es ist oft sehr schade, dass man dann coole Sachen nicht so einfach festhalten kann, aber es ist eine wichtige Regel in der Community.

Begriffe

  • Vorträge vs. Self organized sessions: Das Vortragsprogramm (“Fahrplan”) ist von der Congress-Orga kuratiert, wird größtenteils aufgenommen und gestreamt, und ist üblicherweise von sehr hohem Niveau. Die Self organized Sessions sind viel weniger kuratiert und oft Hands-on-Workshops. Dort lernt eins auch eher neue Leute kennen. Vorträge Du auch im Januar noch anschauen, deshalb würde ich eher Workshops priorisieren. Es gibt übrigens auch eine App für Fahplan und Workshops.
  • Assemblies sind die Orte von teilnehmenden Gruppen. So hat der CCC Hamburg beispielsweise einen Tisch, an dem sie sich treffen und an dem man sie treffen kann. Aber es gibt auch größere Assemblies wie beispielsweise die der Haecksen mit eigenem Workshopraum.
  • DECT/Eventphone: wenn du noch ein altes Schnurlostelefon hast, kannst du das auf dem Congress verwenden. Dort gibt es ein eigenes Telefonnetz.
  • Himmel: Organisation der freiwilligen Helfer*innen („Engel“)
  • POC/VOC/NOC: Das -OC steht für “Operation Center”. Das sind Teams, die sich um Infrastruktur auf dem Congress kümmern, sie werden hier im Engel-Guide genauer erklärt.
  • Hilfe: CERT für die physische Gesundheit, Awarenessteam für die psychische, Security für die Security.

Gutgemeinte Ratschläge

  • Komm schon am 26.12. mal rum; das ist „Tag 0“. Da ist noch Aufbau, aber schon ganz gut zum Orientieren.
  • Bring Deinen Laptop mit, vielleicht wollen Dir Leute Computerdinge beibringen...
  • Such Dir ein „Zu Hause“, eventuell bei den Haecksen oder der Assembly eines Hackspaces, der nah an Deinem Wohnort ist, am besten bei Leuten, die Du schon kennst. Da liegt dann Dein Ladekabel, Dein Essen und eventuell eingesammelter Bastelkram; und Du kannst da auch mal ein, zwei Stunden sitzen und den letzten Workshop verdauen.
  • Wie schon erwähnt, mach auch mal Pause, versuch nicht, alles zu erleben.
  • Nimm Dir Essen mit. Das Messe-Essen ist teuer.
  • Es sind tausende Personen während der Erkältungssaison in einem relativ engen Raum – „Congressseuche“ ist schon lange ein etablierter Begriff. Regelmäßiges Händewaschen ist absolut sinnvoll; ich würde auch eine gut sitzende Maske empfehlen.
  • Wenn Du Dich irgendwann sehr erschlagen und klein fühlst, als wären alle um Dich rum krasse Hacker, nur Du nicht: Glaub mir, auch den krassen Hackern geht es so. Aber „All creatures welcome“ ist ernst gemeint; allen ist klar, dass eine der größten Stärken der CCC seine Diversität ist.
  • Ein weiteres bekanntes Phänomen ist der Post-Congress-Blues. Dagegen hilft:
    • Beim Abbau mithelfen
    • Im örtlichen Hackspace vorbeikommen
    • Mit Freunden Vorträge gucken

Addenda

Inspiriert von den Maker Skill Trees findet sich hier die Antwort auf die Frage, was eine erwachsene Person so tun muss.

Skill Tree PNG CC-BY-SA Piko / Steph Piper Makerqueen

Ich habe hier gesammelt, was ich für sinnvoll halte – im Mastodon-Thread, in dem ich nach Ideen hierfür gefragt hatte, gab es beispielsweise zu den Versicherungen sehr unterschiedliche Meinungen. Nehmt das als Inspiration.

Das ist auch die Antwort auf die Frage nach Formulierungsunklarheiten: Ist mit „Freunde finden“ gemeint, ich soll die Fähigkeit haben, Freunde zu finden – oder soll ich direkt Freunde finden? Wer bestimmt, welche Themen wichtig sind, sodass eins dazu Allgemeinwissen haben soll? You're a grown-up now, you decide.

Die Baum-Icons weisen darauf hin, dass es bei den originalen Skill Trees eigene Skill Trees für die jeweilige Aufgabe gibt.

Anders als bei den Maker Skill Trees sind die Aufgaben hier teils nicht gut quantifizierbar. Ich vermute, dass das in der Natur der Sache liegt. Wenn jemand trotzdem versuchen möchte, den Skill Tree entsprechend anzupassen, würde ich mich sehr freuen, das Ergebnis zu sehen.

Falls hier Dinge fehlen oder Ihr ähnliche Projekte kennt, dann teilt sie mir bitte per Mastodon an @piko@chaos.social mit. Vielen Dank an alle, die beim Sammeln mitgeholfen haben!

https://codeberg.org/Piko/Adult_Skills/

Weiter unten finden sich die Aufgaben als Liste – diese Liste ist aber auf mehreren Ebenen nicht allgemeingültig: Sie bezieht sich auf ein relativ privilegiertes Leben in Deutschland. „Deeskalierend mit der Polizei reden“ zu können wird beispielsweise für viele Menschen unter “Muss” und nicht unter “Sollte” fallen. „Zähne putzen“ muss nicht für jede Person einfach sein. Please don't make me tap the sign.

Der Squishy Stuff von ganz unten fehlt größtenteils im Ausmal-Skilltree. Ich empfehle, die zehn Punkte in Ruhe durchzugehen und die, die ihr für Euch haben möchtet, in Euren Skill Tree zu übertragen – dafür sind die vielen leeren Bubbles!

Muss

  • Zähneputzen, Körperhygiene
  • Vorratshaltung
  • Steuererklärung
  • Krankenversicherung
  • Rentenversicherung
  • Personalausweis
  • Bankkonto, Geldkarte
  • Dokumente wiederauffindbar aufbewahren
  • Kalender
  • Wissen, wie mit Krankheiten umgegangen werden soll bzw. wer dann gefragt werden kann

Sollte

Vorsorge

  • Testament und Vorsorgevollmachten (Vorsorge-Set)
  • Versicherungen (alle paar Jahre überprüfen, Lebensituationen verändern sich, mögliche Vertragsbedingungen auch. test.de)
    • Haftpflicht-V
    • Hausrats-V
    • Berufsunfähigkeits-V
    • Unfall-V
    • Rechtschutz-V
    • private Altersvorsorge
  • Notgroschenkonto
  • Backups machen

Arbeit

  • Zeitmanagement (verschobenes nicht vergessen)
  • Erwerbsarbeit
  • Gewerkschaft
  • Budgetieren

Körperliche Gesundheit

  • Bewegung/Sport
  • Gesunde Ernährung
  • How to Arzt
  • Eine Ärztin finden, die einen ernst nimmt
  • wie gehe ich mit Medikamenten um (z.B. wie und wann nehme ich Schmerzmittel)
  • Krebsvorsorge
  • größerer medizinischer Check-Up, mit großen Blutbild (Menschen empfehlen, das bei einer Blutspende machen zu lassen)
  • Blutspenden
  • Impfungen regelmäßig auffrischen
  • Organspendeausweis ausfüllen (da lässt sich auch „Nein“ ankreuzen)

Lebenssinn

  • Freunde finden
  • Hobby/Interessen haben
  • Engagement, siehe auch Civic Skill Tree
  • grundlegende Kenntnis der Dinge, die unsere Gesellschaft und unseren Alltag bestimmen (z.B. Erde=rund, Homöopathie=Placeboeffekt)

Haushalt

  • Richtig Wäsche waschen können
  • Richtig Aufräumen und Saubermachen können; siehe auch Cleaning Skill Tree
  • Werkzeug haben: Akkubohrer, Metermaß, etc.
  • Handwerkskills (Knopf annähen, Bild aufhängen, knarrende Tür fetten), siehe auch Renovation and Repair Skill Tree
  • Umgang mit Lebensmitteln

Skills

  • Deeskalierend mit der Polizei reden
  • Grundlegende Jura-Kenntnisse
  • Erste Hilfe (regelmäßig auffrischen)
  • Um Hilfe bitten können
  • Sich entschuldigen können
  • Eigene Gefühle deuten und steuern können
  • Bewerbungen schreiben
  • Umgang mit Computern

Squishy stuff

  • Finding Peer groups
  • Healthy Communication Patterns
  • Healthy Relationships
  • Handling Conflicts
  • Managing Emotions
  • Setting Boundaries
  • Coping with whatever Brain Issue you have, Therapy
  • (Sex Specific) Body Maintenance
  • Consent and Communication about Sex, Safer Sex
  • Setting / Reevaluating / Questioning Life Goals

Januar 2024

Edit aus dem Mai 2024

Die Frage, welche Versicherungen sinnvoll sind, wird in dieser Podcastfolge erörtert: https://geld-ganz-einfach-saidis-finanztip-podcast.podigee.io/189-perfekt-abgesicher-so-klappts

Ganz allgemein ist der Podcast und finanztip.de empfehlenswert für alle, die mehr über den rechts-unten-Teil des Skilltrees wissen wollen.

Ein Kommentar zu zwei Stellen aus „Theorie des Subjekts“ von Peter V. Zima

Peter V. Zima: Theorie des Subjekts. Tübingen 2017.

In Theorie des Subjekts erörtert Zima eine große Menge verschiedener Subjektkonzeptionen. Unter anderem wirft er den Blick darauf, wie in den Sprachwissenschaften Subjekte konstituiert werden. Auf zwei direkt aufeinanderfolgenden Seiten erörtert er einerseits einen Standpunkt, der aus meiner Perspektive sehr oberflächlich erscheint, und anderseits (zu einem anderen Thema) einen Standpunkt, der mein Sprechen und meine Entscheidungen für Interessen sehr gut beschreibt.

Elfenbeinturm? Ich sehe hier keinen Elfenbeinturm.

Zunächst der oberflächliche Standpunkt: Basil Bernstein unterscheidet „einen restricted code der Unterschicht von einem elaborated code der Oberschicht oder Mittelklasse“(Zima, 71). In Ersterem steht nur ein spärlicher Wortschatz und nur rudimentäre Syntax zur Verfügung. Sprecher*innen dieses Codes könnten ihre

„Ansichten und Anliegen nicht annähernd so nuanciert artikulieren wie die Sprecher des elaborated code. Sie sind eher in der Lage, der ideologischen, werbetechnischen und medialen Vereinnahmung in einer Dialektik von Kritik und Selbstkritik zu widerstehen und eine autonome Subjektivität zu verteidigen. [...] So ist es zu erklären, daß vor allem Angehörige der Unterschicht für autoritäre, manichäisch strukturierte Ideologien wie Nationalismus, Nationalsozialismus, Faschismus und Marxismus-Leninismus anfällig sind.“(71)

Ich störe mich sehr an dieser Perspektive. Einerseits wird hier nach unten getreten; ein Mensch vermutlich aus der akademischen Mittelklasse spricht Menschen aus einer niedrigeren Klasse die Ausdrucksfähigkeit und damit Feinheiten des Subjektseins ab – und übersieht dabei auch noch, dass Leute, denen es schlecht geht, eher Sachen ändern wollen (hence the Neigung zu Ideologien).

Andererseits dürfte das, was Bernstein behauptet, auf zwei Ebenen falsch sein: Die Soziolekte von wirtschaftlich benachteiligten Klassen sind höchstwahrscheinlich ebenso komplex wie andere. Sie sind nur weniger hoch angesehen und dadurch auch weniger gut erforscht. (Sprecht mit den Linguist*innen Eures Vertrauens, wenn Ihr mit Quellen zugespamt werden wollt.) Und auch der Nationalsozialismus war keineswegs eine Sache der Unterschicht. Humanismus? Der Vater von Heinrich Himmler war Lehrer für Latein und Altgriechisch. Genauso wenig lässt sich der aktuelle Rechtsradikalismus als Randgruppenphänomen abtun. Menschenfeindliche Haltungen sind Teil der Mitte der Gesellschaft.

Not that kind of girl

Direkt auf der nächsten Seite erörtert Zima die Position von Mary M. Talbott. Sie beschreibt eine Situation, in der sich zwei Personen über eine genaue Farbbezeichnung unterhalten: Den Unterschied zwischen lavendel und malvenfarbig. Ein hinzugekommener Dritter, ein Mann, bewertet diese Unterscheidung als trivial und nicht der Rede wert. Die Zuordnung ist klischeehaft, aber den meisten wohlbekannt: Farbwörter=Frauen, keine Farbwörter=Männer.

An dieser Stelle wird es genügend Frauen geben, die erklären wollen, wie sehr sie keine Ahnung von Farben haben; und genügend Männer, die erklären werden, wie genau sie den Unterschied zwischen lavendel und malvenfarbig kennen. Der Punkt ist, dass die Fähigkeit zwischen diesen beiden Farben zu unterscheiden, und vor allem die Einschätzung dieses Unterschieds als „der Rede wert“, deutlich gegendert ist:

„Nun mag es auch Frauen geben, die für derlei Nuancen keine Zeit haben, aber Talbots Text zeigt, wie sehr Relevanzkriterien und Klassifikationen gruppenspezifisch sind und wie sich Subjektivität innerhalb von sprachlichen Gruppen bildet. Sie läßt zugleich erkennen, wie weibliche Subjektivität in einer von männlichen Soziolekten dominierten Situation trivialisiert und marginalisiert werden kann.“(72)

Und hier kommt mein Interesse ins Spiel: Ich gehöre zu der Gruppe, die betonen wird, keine Ahnung vom Unterschied dieser beiden Farben zu haben. Ich bin der hinzugekommene Dritte, der über diese Unterscheidung lacht und sie abwertet. Ich gliedere mich an dieser Stelle eindeutig in den dominanten Diskurs ein; damit versuche ich meine eigene soziale Stellung zu heben – auf Kosten der Frauen, der in diesem Moment marginalisierten Gruppe. Damit schneide ich mir ins eigene Fleisch. Ich habe Teil an der Abwertung; am Patriarchat. Denn jedes affirmierende Wiederaufrufen dieser Unterscheidung (Kennt Farbwörter: interessiert sich für Triviales, tendenziell weiblich; kennt keine Farbwörter: interessiert sich nur für Wichtiges, tendenziell maskulin) stärkt diese Wertung.